27. Juni 2002
Zur Kur
Anstelle von ereignisreichen Abenteuerreisen bin ich wieder einmal, Witwen
tröstender Weise, in diesem Kurort unterwegs. Vor zwei Jahren war
ich ja zum ersten Mal hier und war daher sehr gespannt, was sich diesmal
tun würde.
Der Hotelier hatte mich zwar wieder erkannt, an meinen Namen konnte er
sich jedoch nicht mehr erinnern; kein Wunder bei dem Gästeaufkommen.
Im Hotel war alles unverändert, sieht man von einigen kleinen Investitionen
ab, die das Haus womöglich noch bequemer und freundlicher gemacht
haben. Das Essen nach wie vor eine Klasse für sich, sogar das Dinkelbrot
wird im Hause gebacken, heute gab es unter anderem Carpaccio vom Rind
mit echtem Balsamico di Modena (der Beste von allen) und steirischem Kernöl
mariniert. Ein gelungenes Zusammentreffen von zwei unterschiedlichen Esskulturen,
die in durchaus interessanten Geschmackserlebnissen münden. Ein Glücksfall,
dass die Gewerbliche Krankenversicherung gerade mit diesem Hotel kooperiert;
ich sehe ja auch andere Häuser hier, im nüchternen Baustil der
Sechzigerjahre und mit einem Management welches den heutigen Qualitätsansprüchen
nur unzureichend entspricht. Entscheidend geändert hat sich hier
die Klientel, sehr zu meinem Leidwesen. Hatte ich bei meinem letzten Aufenthalt
noch einen geistreichen Buchautor und eine auf und anregende Schönheit,
um deren Gunst der gesamte Geriatrieverein vom Nebentisch buhlte, an meinem
Tisch; teile ich diesen, diesmal mit zwei Damen, die die Achtzig schon
weit überschritten und naturgemäß anderen Gedanken und
Gesprächsthemen huldigten wie ich. Nichtsdestotrotz verlief der erste
Tag doch recht Herz erwärmend.
Der Kurarzt, den ich am frühen Morgen aufsuchte, war mit dem was
er durch sein Stethoskop hörte sehr zufrieden und murmelte etwas,
dass so klang: "In Zukunft brauchen Sie möglicherweise nur mehr
situationserhaltende Medikamente nehmen, Ihr Zustand ist deutlich besser
als vor zwei Jahren". Na, ich werde doch nicht jünger geworden
sein? Ein Verdacht, der sich eine halbe Stunde später, beinahe erhärtete.
Entgegen den Rat meiner Tischnachbarin, die mir dringend empfohlen hatte,
die Einteilung meiner Therapien unter keinen Umständen der jüngeren
Dame im Kurhaus anzuvertrauen, die ältere der beiden dafür zuständigen,
wäre flexibler und kooperativer, stellte ich mich doch in die Warteschlange
die bei der Jüngeren mündete. Dazu muss man wissen, dass es
ganz entscheidend für die eigene Bequemlichkeit ist, die richtige
Therapie auch zum richtigen Zeitpunkt zu bekommen. Nur Kurneulinge tappen
in diese Falle. Hat man zum Beispiel gleich nach dem Frühstück
Wirbelsäulengymnastik, kann es durchaus vorkommen, dass einem bei
den anstrengenden Übungen das Frühstück wieder heraus rinnt.
Oder schlimmer noch, eine Therapie vor dem Frühstück, das heißt
um 7Uhr, also gleich nach Mitternacht. Im Klartext: aufstehen, in das
zweihundert Meter entfernte Kurhaus rennen, sich dort in einen 42°
heißen Schlammwickel einmummen lassen, sofort wieder einschlafen,
eine halbe Stunde später sich wieder aufwecken und entmummen lassen,
(mein Gott, eine Freud'sche Querverbindung lässt mich an anderes
denken, mir wird ganz schlecht) duschen, anziehen ins Hotel zurückhecheln
- endlich Frühstück. Die Zeit drängt, die nächste
Therapie wartet, zum Beispiel ein Kohlesäurebad, wieder ins Kurhaus,
keine Rede vom Zeitung lesen nach dem Frühstück, wobei ich ja
auch in diesem Fall begünstigt bin. Um die Kleine Zeitung, allenfalls
auch um die Steirische Krone, gibt es ja fast jeden Tag eine Prügelei
unter der betagten Gemeinde, während der von mir bevorzugte Standard
hier, so scheint's, sich keiner allzu großen Beliebtheit erfreut,
jedenfalls liegt er immer unangetastet neben dem Frühstücksbüfett,
als wäre das Exemplar nur für mich... ...du siehst also, die
falsche Einteilung kann einem den schönsten Tag versauen. Die Kunst
beim Einteilen ist es, keine Therapie vor dem Frühstück und
keine nach 2 Uhr nachmittags zu bekommen.
Hat man vormittags etwa Unterwassergymnastik, welche immer im Hallenbad
stattfindet, muss man nachmittags, falls man schwimmen gehen möchte,
einen horrenden Eintritt zahlen, Geld das man besser abends in einem der
zahlreichen Kur-Cafées für Aperitifs ausgeben könnte.
Ich nähere mich also der jungen Dame und versuche sie durch ein Lächeln,
Marke Eisberg schmilzt auch in der Wintersonne, einzustimmen. Sie lächelt
zurück, fragt mich nach meinem Namen, schaut auf ihren Bildschirm
und nennt meine Adresse, ich nicke - Identifikation abgeschlossen.
Nein, nicht ganz: "Das muss eine falsche Eintragung sein" meint
sie nach einem zweiten Blick auf den Bildschirm, "hier wird Ihr Geburtsjahr
mit 1939 angegeben".
Wäre die Glasscheibe nicht zwischen uns und wäre es nicht allzu
unschicklich gewesen, ich hätte sie glatt umarmt. Ich bin 1939 geboren
sagte ich amüsiert und weide mich an ihrem ungläubigen Gesichtsausdruck
der sich wenig später um eine Nuance verändert. Eine Nuance
die auch meine Gemütslage von amüsiert zu leicht melancholisch
verschiebt, habe ich doch gerade in ihrem Gesicht gesehen, wie ich vom
möglichen zum unmöglichen Kandidaten verkommen war. Trotzdem,
der Augenblick entbehrt nicht eines gewissen Zaubers, den ich bewusst
zerstöre, indem ich den Blick senke, mich zu den Sprechschlitzen
hinunterbeuge; der Fluch der Großgewachsenen, ständig müssen
wir uns zu irgendwas oder irgendjemandem hinunterbeugen, da muss ja wohl
auch die beste Wirbelsäule einmal streiken. Ich beuge mich also hinunter
um meine Wünsche bezüglich der Therapien bekannt zu geben. Nichts
vor dem Frühstück und nichts nach 14 Uhr lautet meine Bitte,
die ich aber im Ton einer Anweisung vorbringe. Sie dreht sich halb weg
von mir und beginnt den Computer zu bearbeiten, nur um wenige Augenblicke
später, sich wieder zu mir herumzudrehen und zu sagen: "Wenn
Sie mir so einen engen Zeitrahmen vorgeben, kann ich Ihnen aber nicht
immer dieselbe Masseuse garantieren". Als ob es darauf ankommen würde,
antwortete ich und außerdem, so fuhr ich fort, haben so doch mehrere
die Möglichkeit an mir herumzukneten. Der Terminus Herumkneten schien
sie zu erheitern, den sie bedachte mich mit einem Lächeln das man
fast - ja doch - als anzüglich bezeichnen konnte.
Nun ja, vielleicht habe ich auch zuviel hinein interpretiert, ich bekam
jedenfalls was ich wollte und sollte sich hier etwas ereignen, was wert
ist berichtet zu werden (zur Zeit sieht es allerdings nicht danach aus)
werde ich mich wieder melden.
zurück
|