![]() |
![]() |
![]() ![]() |
| Piran, März 2003
Piran, ein kleines typisch mediterranes Städtchen, ohne kommunistische Bausünden, nahezu ohne Parkplätze und somit mit wenigen Autos, eine Sackgasse noch dazu, kein Schwerverkehr mit unzähligen Restaurants, einem Fischmarkt, wo ich ab morgen um die frischesten Brassen feilschen werde. Ein Postamt und ein Internetcafe das niemand findet, weil es diskret in einem dritten Stockwerk untergebracht ist, zwei Konditoreien an denen ich, konsequent wie ich nun einmal bin, i m m e r, vorbeigehen werde; na ja, ich werde es zumindest versuchen. Die Wohnung befindet sich, natürlich, mitten in der Altstadt, im zweiten und dritten Stock eines pinkfarbig gestrichenen Hauses. Die Rückseite des Hauses ist die alte Stadtmauer. Eine eigene Dachterrasse habe ich auch mit einem Blick über die Nachbarhäuser bis hin zum Bootshafen. Neu renoviert mit einer schmucken Küche, Sat TV und Radio. Drei solcher Wohnungen gibt es in diesem Haus, netterweise haben sie keine Türnummern sondern aus der Musikgeschichte entliehene Namen, wie Rossini oder Vivaldi. Ich wohne im Appartement Tartini, ein Compositeur den die Leute hier, als Slowenisch reklamieren, obwohl er doch Italiener war. Na ja, wir sind auch nicht besser, für uns war bekanntlich Beethoven Österreicher und Hitler Deutscher. Wenn ich aus meinem Schlafzimmer schaue, sehe ich auf den Markt und im Hintergrund, bergwärts, den Campanile. Endlich habe ich meine sieben Zwetschgen beisammen, mein Appartement
ist eingeräumt. Einkaufen war ich auch schon, alle meine Grundnahrungsmittel
wie Olivenöl, Pasta, Knoblauch, Parmesan, Eier, Brot, Milch, Prosciutto,
Rotwein und was man halt so alles braucht um nicht allzu sehr abzumagern.
Schließlich wollte ich hier ja in Klausur gehen um meinen vielbeachteten
Erstlingsroman fertig zu schreiben. Wiewohl ich in den letzten Tagen einen
gewaltigen Dämpfer bekommen habe, genau seit mir meine Tochter das
Buch "So finden Sie einen Verlag für Ihr Manuskript" geschenkt
hat. Der Grundtenor des Ratgebers ist eher pessimistisch und mag vielleicht
eher zum Aufhören als zum Weiterschreiben anregen. Ich werde natürlich
nicht aufhören und dieses Buch wird geschrieben werden, kein Zweifel.
Wobei es ja gar nicht so wichtig ist, ob es verlegt wird; ich schreibe
es für mich weil es mir Spaß macht. Obwohl, zugegeben ich fände
es sehr nett, würde ich eines Tages nur so durch die Innenstadt schlendern
und an jeder, zumindest an jeder dritten Litfasssäule der Hinweis:
Literaturlesung Alte Schmiede: Der Autor liest persönlich aus seinem
Roman, noch wenige Restkarten, oder so ähnlich. Stattdessen sitze
ich hier, an diesem sechseckigen Küchentisch und schreibe einen Bericht
an meine Freunde und Lieben zu hause, anstatt ordentlich in die Tasten
zu hauen und mit dem Roman fortzufahren. Morgen werde ich es tun, ich
meine das Romanweiterschreiben. Sicher! Mittlerweile habe ich zwei fahrbare Elektroheizungen bekommen und es
ist jetzt richtig mollig in der Wohnung. Der Kälteschock in der ersten
Nacht war darauf zurückzuführen, dass ich der erste Mieter in
diesem Jahr bin. Ich fürchte ich habe eine Schaffenskrise und ich fürchte mein
Untergang naht. Seit ich hier bin und das ist jetzt schon über eine
Woche, bin ich mit meinem Buch kaum weiter gekommen. Habe allerdings zwischenzeitlich
zwei Bücher gelesen Cees Nootebooms vielgelobtes >Philip und die
anderen<, ehrlich gesagt ich weiß nicht wodurch es zum Kultbuch
zum "must" geworden ist. Könnte natürlich auch sein,
dass ich es nicht ganz verstanden habe, obwohl ich nicht unempfindlich
für seine Poesie bin. Das zweite Buch, Leon de Winters >Malibu<
habe ich mir ja nur gekauft, weil es im Standard verrissen wurde und weil
die Rezensentin gefunden hat, er habe nur Zeilen geschunden (und so was
interessiert mich). Schlimmer noch, der Mann ist das Letzte, er lässt
kein Klischee aus und scheut keine Verbeugung vor den niedrigen Trieben
und schlechten Geschmack seiner Leserschaft. Ziemlich unintelligent das
ganze. Aber mein Untergang droht von anderer Seite. Dieses entzückende
Städtchen ist in den Sommermonaten auf größere Touristenmengen
eingestellt. Daher gibt es hier zumindest zwanzig Restaurants unzählige
Bars, ein paar Beiseln ( Karl Valentin schau oba mit deine Semmelknödeln, aber was um alles
in der Welt ist die Mehrzahl von Beisl?) hier Kantina genannt und last
but not least Kaffeehäuser. Zwei davon herausragend, das eine das
Theatercafé, mit einer originellen Einrichtung und direkt am Wasser gelegen,
aber außer Kaffee, Bier und Innenarchitektur gibt's praktisch nix.
Das andere das Galerija, gleich bei mir um die Ecke in einem schönen
italoklassizistischen Gebäude untergebracht, wo ich fast täglich,
immer im Freien sitzend, einen ausgezeichneten Cappuccino konsumiert hatte,
dies aber heute nicht tun konnte, weil leichter Nieselregen; ich also
gezwungen war, erstmalig, hineinzugehen und dann, ja dann nahm das Unglück
seinen Lauf. Nicht nur dass eine hinreißende Rothaarige hinter der
Theke werkt, biegen sich, quasi vor ihrem Busen, die Glasetagere im Kühlpult
unter der Last von Köstlichkeiten, die man in dieser Gegend nicht
vermuten würde. Unverkennbarer italienischer Touch, aber auch simple
Dinge wie Cremeschnitte und Schokoladetorte. Als ich sie dann noch beobachte
wie sie durch Schmelzen eines Schokoladeriegels eine echte, nicht eine
aus Kaukaupulver bestehende, Trinkschokolade zubereitete, waren alle guten
Vorsätze dahin. Lässliche Sünden sollten erst gar nicht
begangen werden, also bestellte ich, nachdem ich mir nahezu alle Mehlspeisen
von ihr erklären hatte lassen, eine Torta della Nonna, Eine Großmuttertorte
also, ein Mürbteigboden mit Zitronen und Vanillecreme als Zwischenlage,
aufgebaut in mehreren dünnen Schichten und hellem Marzipandeckblatt
in welches geröstete und karamellisierte Mandelsplitter eingearbeitet
wurden. Dazu orderte ich, natürlich, eine Trinkschokolade und um
auch hier jede Lässlichkeit zu vermeiden mit einem Schuss Amarettolikör
(dafür nehme ich aber nie Zucker), heiß eingerührt in
die Schokolade, und basta. Sofort keifte mein Alter Ego in meinem Hinterkopf:
Zweitausendfünfhundert!! Was? Fragte ich zurück Tolar? Nein,
antwortetet es, Kalorien, dafür musst du jetzt mindestens dreimal
auf den Berg rennen, um ein Nullsummenspiel zu erreichen. |