Jemen
Am
Ausgang des Roten Meeres zum Indischen Ozean liegt das legendäre
Land der Königin von Saba, der Jemen.
Schon die römischen Geschichtsschrei- ber berichten von dem über
Jahrhunderte abgekapseltem Land, das noch im vorigen Jahrhundert nur unter
schwierigen Umständen besucht werden konnte. Die Hauptstadt Sanaá
gilt heute als einer der ältesten Städte der Welt und ist von
der UNESCO geschützt. Eine einzigartige Architektur, atemberaubende
Land- schaften, herrliche Ausblicke und eine unerwartete Hochlandvegetation
ver- zaubern die Besucher. Bei einem Besuch der zahllosen Bergdörfern
befindet man sich plötzlich in einer vor Jahrhunderten stehen ge-
blieben
Welt, in der die Menschen mit ihrem im Mittelalter verhafteten Volksleben
und ihrem zurückhaltenden Verhalten den Touristen gegenüber,
ein unvergessliches Reiseerlebnis vermitteln.
Der Jemen ist für uns ein nahezu unbekanntes Land. Jahrhunderte lang
war es auch kaum möglich den Jemen zu bereisen. Erst seit 1975 gibt
es so etwas wie einen zaghaften Tourismus, was nicht heißt, dass
eine touristische Infrastruktur ausreichend vorhanden wäre. Der
Jementourist sollte ein Reisender sein, der sich für die wohl
älteste arabische Kultur und deren Geschichte interessiert. Jemenitische
Kultur aus jüngerer Zeit bleibt dem Kurzzeittouristen ohnedies meist
verborgen. Ein Reisender mit offenen Augen und wachen Sinnen wird dennoch
Erfahrungen und Eindrücke gewinnen wie man sie nur in wenigen Ländern
erleben kann.
Die Hauptstadt des Jemen ist Sanaá. 2200 Meter über dem Meeresspiegel,
von etwa 400.000 Menschen bewohnt. Schriftlich erwähnt wird Sanaá
zum ersten Mal um das Jahr 300 nach Christi. Historiker behaupten allerdings,
Sanaá sei Eine Gründung aus biblischen Zeiten. Einer der Söhne
Noahs, Sem, soll Sanaá gegründet haben. So wird auch verständlich,
dass die sehr freundlichen und auch gastfreundlichen Jemeniten mit einer
milden, ja geradezu nachsichtigen Überheblichkeit uns Abendländern
gegenübertreten. Zu einer Zeit, wo wir noch mit Fellen be- kleidet
und mit Prügel bewaffnet unserem Tagwerk nachgingen, blühte
hier schon eine Hoch- kultur die Ideologien und Philosophien hervorgebracht
hatte, die heute noch das tägliche Leben in "Felix Arabia"
dem glücklichen Arabien beeinflussen. Nicht zu unrecht sagte der
Prophet Mohammed: „Jemenitisch ist der Glaube und aus dem Jemen
kommt die Weisheit". Die Architektur ist unübersehbar eine wehrhafte.
Die bis zu 50 Meter hohen aus Lehmziegel gebauten Häuser
sind kleine Festungen. Ebenerdig meist eine geräumige fensterlose
Ein- gangshalle die keinerlei Deckung bietet. Im ersten Stock die Vorratsräume
und die Küche. Winzige Fensterscharten erlauben auch hier noch kein
Eindringen von außen. Einen Stock darüber befinden sich die
Räume für Frauen und Kinder. Im letzten und schönsten Geschoss
- und so wird das patriarchalische System sichtbar - der Hausherr. Die
Treppen in der Häusern sind steil, eng, verwinkelt und von einer
ermüdenden Unregelmäßigkeit; aber auch das diente zur
Verteidigung. Ein nach oben keuchender gebückter, meist stolpernder
Angreifer, konnte eben leichter überwältigt werden. Nichts scheint
einem jemenitischen Bau- meister mehr zu missfallen als ein rechter Winkel,
er wird auch tunlichst vermieden.
Wenn man Glück hat, oder den richtigen Führer – aber auch
das ist Glück – also wenn man Glück hat kommt man auch
in ein Privathaus; und wenn einem der Hausherr geneigt ist erzählt
er, Gipfel des Glücks, bei einer Wasserpfeife in einer Stunde mehr
über Land und Leute, als man sonst nur in mühevollen Studien
aus Reiseführern erfährt. Das Kapitel über richtiges benehmen
sollte man sich aber schon vor der Reise anschauen. Als Orientreisender
weiß man natürlich, dass man die Speisen mit der rechten Hand
zum Mund führt, die Linke gilt als unrein und bleibt anderen Tätigkeiten
vorbehalten. Gegessen wird in einem unglaublichen Tempo. Wer zu lang-
sam
isst gerät in den Verdacht, dass ihm das Essen nicht schmeckt. Wenn
der Gast mit dem Essen fertig ist, steht er auf und sagt „alhamdullilah”
(gedankt sei Gott) und gibt damit zu verstehen, dass das Essen ausreichend
gewesen sei. Gespräche über Religion sollte man ver- meiden. Wenn
man sich als Angehöriger der christlichen Religion bekennt, wird
der Gesprächspartner wahrscheinlich mit einem zeitraubenden
Missionierungs- versuch
beginnen. Gibt man aber zu, dass man Atheist ist, verscherzt man sich
alle Sympathien des Gastgebers. Ein Leben ohne Gott ist für ihn
unvorstellbar
und auf alle Fälle das Letzte.
Stolz
und unverkennbar Vater und Sohn, mit ihren prachtvollen Dschambias, ein
„Muss“ für den männlichen Teils der Bevölkerung.
Ohne seine Dschambia, dem Krummdolch, ist der Jemeniten einfach nicht
richtig angezogen. die Dschambia ist eine Nahkampfwaffe und hat heute
vorwiegend dekorativen Charakter. Sie ist die Zierde des Mannes und sagt
über seinen gesellschaftlichen Stellenwert eine Menge aus. Der Griff
ist aus Kuhhorn bei den billigen Ausführungen, bei den teuren Giraffe
oder Nilpferd. Früher hatten die Dschambias Klingen aus Vollstahl.
Bei billigeren Klingen, meist Importe aus Asien, sind zwei Nirostablechhälften
zusammengepresst. Klingen dieser Machart lassen sich naturgemäß
nicht schärfen und wenn der Jemenit dann doch einmal von seiner Frau
als Küchenhelfer gebraucht wird, nimmt er natürlich ein scharfes
Küchenmesser und nicht seinen Krummdolch.
Im Suk fühlt man sich angesichts der archaischen Geschäftswelt
in frühere Zeiten zurückversetzt. Gewürzhändler,
Wasserpfeifenhersteller, Messerputzer, Märchenerzähler, Kaffe-
händler,
Silberschmiede beleben die Marktszene. Eine bunte, im wahrsten Sinne des
Wortes orientalische Vielfalt mit Gerüchen und Farben, die einen
ge- fangen nimmt.
Die Landwirtschaft wird im Hochland von Trassenfeldern geprägt. Meist
kann die arbeitsintensive Trassenlandwirtschaft mit den niedrigen Weltmarktpreisen
nicht konkurrieren. Die Landwirte werden zur Aufgabe beziehungsweise Umstellung
auf Kat Anbau förmlich gezwungen.
Das gesellschaftliche Leben im Jemen wird von diesem Rauschgift geprägt.
Besprechungen, Geschäftsabschlüsse, Hochzeiten, die Nachmittagspause
- nichts geht ohne Kat. Die Kat-
blätter
werden im Mund gekaut, gedreht und gewendet und schließlich
in den Backentaschen gelagert. Von Kritikern des Katanbaues wird immer
argumentiert, dass der Kat- anbau die wertvollsten Böden beanspruche
und die Wirt- schaft des Landes am Nachmittag praktisch lahmgelegt ist.
Es gibt einen alten Streit zwischen Äthiopien und dem Jemen, wo zuerst
Kaffee angebaut wurde. Neuere Unter- suchungen behaupten, dass die Kaffee-Pflanze
aus Äthiopien stammt und im Jemen veredelt wurde. Sicher ist, dass
der Kaffee in Höhen zwischen 1000 und 1800 Metern bis zum ersten
Drittel des vorigen Jahrhunderts angebaut, an der Küste auf Schiffe
verladen und in die westliche Welt exportiert wurde. Einer der wichtigsten
Ausfuhrhäfen war Mocha, von dem unser Mokka seinen Namen bekam. Heute
ist die Kaffeeproduktion im Jemen ohne wirtschaftliche Bedeutung. Aber
was schreibe ich über den Kaffee, schließlich wollte ich ja
auch vom Tauchen im Jemen berichten…..
Diese Reiseschilderung wurde im Jahr 1990 im Tauchmagazin Megadive veröffentlicht.
Aktuellere Informationen über Tauchen im Jemen finden Sie bei folgendem
Link: www.tauchernet.de
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