| Teneriffa 2003
Alles was man hier braucht ist ein Regenschirm. Seit meiner Ankunft schaffelt
es hier mit nur wenigen Unterbrechungen, ohne dass es dabei aber allzu
kalt wird. Ich wollte ja meine original britische Wachsregenjacke mitnehmen,
die ja leider grün ist und sich daher mit dem von meinem fünftbesten
Freund Bert A., geliehenen Fotorucksack gar grauslich schlägt. Wie
kann man sich nur so einen giftgrünen Rucksack kaufen? Möglicherweise
war die Farbe unverkäuflich und die Firma entschloss sich den Rucksack
als Sonderangebot zu verscherbeln; aber trotzdem, so pleite könnte
ich gar nicht sein um mir so einen Rucksack zu kaufen und sei er auch
noch so billig. Anyway, ich hoffe er wird die drei Wochen die ich ihn
hier verwenden werde, keine Spuren auf meinem Rücken hinterlassen.
Einen feuerroten Fiat habe ich dazu auch noch, als Leihwagen, nehmen müssen
war er doch der einzige der noch vorhanden war; jedes Mal wenn ich den
Fotorucksack vorübergehend, auf der Motorhaube abstelle, muss ich
die Augen zumachen um keine bleibenden Schäden auf meiner Netzhaut
zu erleiden. Das Studio welches ich hier bekommen habe, erinnert mich
ein wenig an eine Einsiedelei, innen dunkel wie in einer Höhle, außen
mit einer völlig zugewachsenen Terrasse, die Pflanzen und Sträucher
aber in einem Grün welches, zwar wieder nicht mit dem Rucksack, dafür
aber mit meinen Vorstellungen von Natur harmoniert. Die sanitären
Einrichtungen sind auch ein wenig gewöhnungsbedürftig, während
in der Küche, nach öffnen des linken Handrades nach einer geraumen
Weile warmes Wasser rinnt ist es bei den Hähnen im Badezimmer genau
umgekehrt. Wie ich mich heute morgens im Badezimmerspiegel sah, war ich
ein wenig konsterniert; war ich wirklich über Nacht um Jahrzehnte
gealtert? Es dauerte eine Weile ehe ich realisierte: hier werden noch
Leuchtstoffröhren verwendet die man bei uns nicht einmal mehr in
Garagen einsetzt. Ein unfreundlicher Akt des Managements, wo doch die
meisten Unterkünfte von Senioren bewohnt werden. Muss man wirklich
bei jeden Blick in den Spiegel, an die Radikalität des Alterns erinnert
werden? Eine Diskussion mit dem Manager habe ich über diesen Missstand
allerdings noch nicht begonnen, werde es aber in den nächsten Tagen
sicher tun. Es sei denn, das neue Studio, welches ich am Donnerstag beziehen
werde, besitzt ein Badezimmer mit Tageslichteinfall.
Als es vorhin kurzzeitig zu regnen aufhörte machte ich rasch eine
Shoppingtour zum nächsten Supermarkt. Gott sei dank gibt es hier
alles in gewohnter Qualität zu kaufen, sogar Sojamilch mit Kalzium
- ganz wichtig für die alten Knochen - steht hier in den Regalen.
Für Singles sind sie aber noch nicht eingerichtet, jedes vorabgepackte
Stück Käse hatte zumindest ein knappes halbes Kilo. Dafür
gibt es Spaghetti mit 250 Gramm gepackt. Preise etwa wie bei uns nur der
Wein scheint generell billiger zu sein, für eine Flasche Elegidio
Selectiòn gereift im Eichenfass zahlte ich 1.25€ und , oh
Wunder, der Wein ist wirklich trinkbar. Nachdem ich gestern abends, noch
in einem Reiseführer blätterte, dadurch erfuhr, dass kein Einheimischer
vor 9 Uhr abends essen geht, beschloss ich auch solange zu warten. Der
Vorsatz wurde um genau 19.30h gebrochen als ich ein Restaurant enterte.
Um 8h war ich bereits, nach zwei Gläsern Vino Tinto, ein wenig besoffen
nur das bestellte Essen brutzelte immer noch in der Küche. Knapp
nach acht wurde dann serviert und die Verzögerung damit erklärt,
dass sie noch schnell Gemüse besorgen mussten um mein Gericht fertig
zu stellen.
Nun, Obiges schrieb ich am zweiten Tag meiner Ankunft, mittlerweile war
auch für zwei Tage schönes Wetter und ich machte, mit dem feuerroten
Fiat, einige Exkursionen in die nähere Umbebung. Die Fahrt zum Teide
(Spaniens höchster Berg, über dreitausendsiebenhundert Meter)
habe ich allerdings in etwa 1800m wegen Nebels abgebrochen. Den Nervenkitzel
lasse ich gerne aus, wenn die Sichtweite weniger als zwanzig Meter beträgt.
Wie zum Hohn strahlte er mich heute früh, schneebedeckt bei azurblauem
Himmel an, als ob er mich zu einem neuerlichen Versuch einladen wollte.
Mit dem Teide geht es mir wie mit den Dreitausendern auf Bali, dadurch
dass man praktisch von Meereshöhe zu ihnen aufschaut wirken sie unglaublich
imposant. Die Einheimischen haben, naturgemäß, ein anderes
Verhältnis zu diesem Berg und so ist es nicht verwunderlich dass
Gespräche, nicht wie bei uns üblich, über das Wetter, sondern
über das Erscheinungsbild (fast ist man versucht zu sagen: über
die Befindlichkeit) des Teide, begonnen werden.
Das neue Studio, mit Tageslichteinfall im Badezimmer, habe ich auch schon
bezogen, es hat eine sehr große Terrasse und auch eine eigene Grünfläche.
Nachdem ich doch schon einige Male abends in verschiedenen Restaurants
essen war und überall Paella auf der Speisekarte steht, allerdings
immer mit dem Nachsatz: ab zwei Personen und ich nur eine Person bin,
auch nicht die Absicht habe für zwei zu essen, bin ich bis dato zu
keiner Paella gekommen. Dies musste sich ändern. Heute beschloss
ich mir selbst eine zu kochen, das Rezept hatte ich noch irgendwo im Hinterkopf
und so lenkte ich meine Schritte Richtung Supermercado. Bei den Gewürzen
wäre ich fast gescheitert, Salz hatte ich ja schon in meiner Küche,
nur Pfeffer war im Gewürzregal keiner zu finden, mein Spanischwörterbuch
liegt zu hause in Wien, somit dauerte es eine Weile bis ich erkannte,
dass mit Pimienta, Pfeffer gemeint war. Anstelle von Paprika und Safran
erstand ich eine Gewürzmischung auf der nur das eine Wort, Paella
draufstand. Ich kaufte dann noch ein Gewürz welches Ajo y Perejil
auf seinem Etikett auswies, was sich als Knoblauchsalz plus getrocknete
Petersilie herausstellte. Nun fehlte nur noch ein halbes Kilo Reis, ein
viertel Kilo Schalotten, vier Fleischtomaten, zwei rote Paprika, ein paar
Scheiben Tintenfisch, einige Muscheln, eine handvoll Garnelen, ein Päckchen
tiefgekühlter Erbsen, Oliven, Kapern und ein paar Knoblauchzehen.
Das Ergebnis konnte sich durchaus sehen, beziehungsweise schmecken lassen:
ein fünf Liter Kochtopf fast randvoll mit Paella, ausreichend für
zumindest acht mittelstarke Esser. Entweder ich friere all das was ich
nicht mehr essen konnte ein, oder ich esse die restliche Woche immer wieder
Paella.
Ein handgeschriebenes Plakat, an auffälliger Stelle bei der Rezeption
platziert, ließ alle Alarmglocken bei mir schrillen. Die Leute vom
Appartement 29 luden alle Wiener zu einem Heurigenabend zu sich ein; na, ich werde mich hüten,
mich als solchen erkennen zu geben. Ich rede mit dem Personal konsequent
Englisch und so weit als möglich Spanisch - ich bin kein Wiener.
Bei der Sprachschule, wo ich heute vorstellig wurde, bedauerte man im
Moment, mangels Teilnehmer, keinen 50+ Kurs anbieten zu können und
mit Youngsters wollte ich mich dann doch in keine Klasse setzen, der Unterschied
in der Hirnleistung wäre wahrscheinlich zu auffällig gewesen.
Visavis von meinem Appartement sehe ich, ob ich will oder nicht, auf die
Terrasse eines Appartements welches von einem älteren Paar, offensichtlich
Langzeitgäste, bewohnt wird. Die Terrasse hat natürlich zusätzliche
floristische Ausstattung und auch einige Gipsdekorationen wie Apollo und
Aphroditestatuen. Falls die Leute auch Gartenzwerge haben sollten, was
ich ihnen durchaus zutraue, kann ich sie jedenfalls nicht sehen, denn
die ganze Terrasse ist für mich nicht einsehbar. Jeden Tag, pünktlich
von acht bis halb neun, sehe ich den Mann die Terrasse saubermachen, putzen,
wischen, kehren, abstauben. Seine Frau scheint er in der Zwischenzeit
um die Zeitung geschickt zu haben, denn um halb neun, um punkt halb neun,
setzt er sich dann hin, Gesicht immer Richtung Teide, und ließt
bis 11Uhr die Bilderzeitung. Ich überlege mir, dass das tägliche
Lesen der Bilderzeitung sicherlich einen Einfluss auf die Psyche eines
Menschen haben muss. Ein gewisser Mangel an Intellekt ist sicher Grundvoraussetzung
um so ein Blatt von vorne bis hinten lesen zu können. Aber muss es
denn nicht, bei täglichem Konsum von zweieinhalb Stunden Bilderzeitung,
zu einer charakterlichen Transformation beziehungsweise Deformation kommen?
Apropos Zeitung, ich gebe ja zu, ich bin ein Nachrichten-Junkie und somit
förmlich auf das Lesen von Zeitungen angewiesen. Ich lese daher wenn
ich im Ausland bin, oft und gerne die Zeitungen des jeweiligen Landes,
nicht nur der Nachrichten wegen, es verschafft einem auch einen Einblick
in die jeweilige Gesellschaft.
Treffen der Anonymen Alkoholiker, am Freitag im Hotel Mar y Sol lese ich
da gerade unter Veranstaltungen. Habe ich es doch vermutet; die Leute
saufen hier genau so exzessiv wie bei uns, oder: Auf dieser Trauminsel-
und noch ohne Lebenserfüllung? Evangelische Christen, jeden Sonntag
17.30 in der skandinavischen Kirche in Puerto de la Cruz. Die Pfaffen
können es nicht lassen, als ob sie Kopfgeld bekämen. Ein halbseitiges
Inserat fesselt meine Aufmerksamkeit: Erfüllen Sie sich einen Traum!
Verbringen Sie Ihren Lebensabend auf Teneriffa, schon ab 661Euro pro Monat,
Deutsche Ärzte. Wenn das nicht ein Schnäppchen ist. Aber ich
lese auch Horrorschlagzeilen: Wird Aznar im Oktober zurücktreten?
Wird José Maria Aznar der nächste Präsident des Europarates?
Ich wollte ja erst aus der EU austreten wenn die Türkei Mitglied
wird, nun scheint es, dass ich das schon früher tun muss. In diesem
Zusammenhang ist auch der Besuch des hiesigen Präsidenten Ricardo
Melchior bei seiner Landsmännin Loyola de Palacio, die ja bekanntlich
Verkehrsministerin der EU ist, interessant. Das als persönliche Steckenpferd
des Präsidenten bekannte Projekt der Bahntrasse zwischen Santa Cruz
und dem Süden dieser Witzinsel stieß in punkto Mitfinanzierung
bei der Ministerin durchaus auf Wohlwollen. Aus inoffizieller Quelle verlautete
auch, die EU-Kommission für Transport und Energie prüfe sogar
die Möglichkeit, den geplanten Schnellzug und die Bahntrasse in das
Europäische Transportnetz aufzunehmen. Na ja, das wird die Brennerstrecke
doch sicher entlasten.
Ich komme gerade von einem Nachmittagsspaziergang, ich war unten an der
Uferpromenade. Unten deshalb, es geht tatsächlich ständig bergab,
teilweise über Stufen und ich schätze dass man um zur Promenade
zu kommen, etwa 150 Höhenmeter überwinden muss. Der Ausblick
aber, über den stürmenden Atlantik, wo sich meterhohe Wellen
an den schwarzen Lavafelsen brechen, sehr zum Gaudium der zahlreichen
Surfer, ist den etwas anstrengenden Heimweg allemal wert. Überhaupt
frage ich mich wozu ich das Mietauto gleich für drei Wochen gebucht
habe, bin noch keine hundert Kilometer bis jetzt gefahren, was irgendwie
möglich, gehe ich zu Fuß.
Habe ich eigentlich schon über die Gastronomie geätzt? Ein schweres
Versäumnis, es ist nicht ganz so schlimm wie beispielsweise in der
DomRep und es ist ja auch kaum herauszubekommen, wie groß der Einfluss
des Tourismus auf die dargeboten Mittelmäßigkeiten durchschlägt.
Es ist auch verständlich, dass wenn praktisch jeder Gast die Potatos
mit Mojo Sauce, die hier gerne als Vorspeise gereicht werden, schält,
sie dann irgendwann geschält serviert werden. Andrerseits sind sie
einfach zu dreckig um ungeschält gegessen zu werden. Warnen kann
ich nur vor dem Gericht Platos Combinado, alles, von Fisch bis Fleisch
inklusive Salat und Erdäpfel und natürlich Dressing, auf einem
Teller! Steigerungsfähig wäre diese Tellersauerei noch, würde
man auch die Nachspeise, vielleicht eine Cremetorte, hier Tarta de crema
genannt, unter den Pommes verstecken. Ich rede hier natürlich nur
von Lokalen wo eine Hauptspeise um die zehn Euro kostet, in Hauben Lokale
zu gehen, falls es hier überhaupt welche gibt, hatte ich keine allzu
große Lust, eigentlich habe ich die meiste Zeit selber gekocht.
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